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Rossitten – Rybatschij
Das Fischerdorf ehemals Rosstten ist mit rund 800 Einwohnern das größte Dorf auf der russischen Nehrungshälfte und auch so etwas wie das administrative Zentrum, hier hat unter anderem die Verwaltung des Nationalparks ihren Sitz (an der Hauptstraße aus Richtung Selenogradsk kommend links vor der Einfahrt ins Dorf). In dem beschaulichen Ort stehen längs der Dorfstraße hinter üppig grünenden Gemüsegärten noch viele Häuser aus Rossittener Zeit, auch die Backsteinkirche (1880) blieb erhalten: Sie überstand die sowjetische Zeit als Netzlager der Fischkolchose und gehört seit 1992 der Russisch-Orthodoxen Kirche. Vor der Kirche erinnert ein Gedenkkreuz an die früheren Bewohner des Dorfes.

Berühmt wurde das alte Rossitten für seine Vogelwarte. Die heutige „Biologische Station Rybatschij" (biologitscheskaja stanzija) steht ganz am Ende der Dorfstraße und hält das Andenken an ihre Vorgängerin lebendig, wie die erhaltene Originaltafel an der Hauswand zeigt: „Vogelwarte Rossitten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1901" steht darauf. Johannes Thienemann, Pastor in Rossitten und leidenschaftlicher Ornithologe, hatte diese erste Vogelwarte der Welt 1901 gegründet – mit dem Ziel, die Wege der Zugvögel zu erforschen. Thienemann gilt als Begründer der modernen Vogelberingung. Die ersten Vögel, die er mit (angeblich aus einem alten Kirchenteller geschnittenen) Ringen ausstattete, waren junge Lachmöwen.


Heute stehen vor allem zugökologische Aspekte im Mittelpunkt der Forschung, an der sich Vogelkundler aus vielen Ländern Europas beteiligen. Eine kleine Ausstellung in der Station informiert über die Geschichte der Vogelberingung in Rossitten/Rybatschij.
Auch das Grab von Johannes Thienemann gibt es noch. Es wurde von engagierten russischen und litauischen Künstlern und Schriftstellern, die sich schon zu Sowjetzeiten um den Erhalt des kulturellen Erbe der Nehrung kümmerten, auf dem zerstörten Rossittener Friedhof am „Weißen Berg" (einer ehemaligen Düne) wieder hergerichtet. Der Weg zum alten Friedhof zweigt nahe der Nationalparkverwaltung in den Dünenwald ab. Auch die Grabstelle des staatlichen Forst- und Düneninspecteurs Franz Epha (1828-1904), dem legendären Bezwinger der Wanderdünen, befindet sich dort.

Rossitten zählt zu den ältesten Orten auf der Kurischen Nehrung. Die Deutschordensritter ließen hier um 1350 ein „Festes Haus" errichten. Die Burg Rossitten spielte in der Abwehr der über die Nehrung ins Ordensland einfallenden Litauer eine wichtige Rolle, auch rüstete man sich hier zu eigenen Angriffen gegen die heidnischen Nachbarn. Nach dem Friedensschluss von Melnosee 1422 verlor die Nehrungsburg bald an Bedeutung und verfiel, doch noch um 1750 sind ihre Ruinen dokumentiert. E.T.A. Hoffmann hat diesen legendenumwobenen mittelalterlichen Ort in seiner Erzählung „Das Majorat" verewigt. 


Die Umgebung von Rossitten bietet schöne Ausflugs- und Wanderziele, zum Beispiel das Möwenbruch, das größte Binnengewässer der Nehrung am Rand der alten Rossittener Feldmark. Auf dem Nebenweg vom Möwenbruch ins Dorf kommt man an der einstigen Försterei vorbei, in der viele Jahre Franz Epha lebte. Wunderbar ist auch eine Tour nach Norden am Haffufer entlang in Richtung des Pillkoppener Wanderdünenfeldes, allerdings sollte man für diese Strecke hin und zurück einen Tag einplanen.

Beringungsstation "Fringilla"
Die Feldstation der Vogelwarte (km 23), benannt nach der häufigsten hier beringten Singvogelgattung (lat. fringilla = Fink) zählt mittlerweile zum nehrungstouristischen „Pflichtprogramm". In zwei riesigen Reusen, vom Vorbild der Fangreusen auf der Insel Helgoland abgeleitet und weiterentwickelt zu den größten wissenschaftlichen Vogelfangnetzen Europas, fangen die Ornithologen pro Jahr bis zu 100 000 Vögel – vom winzigen Wintergoldhähnchen bis zur seltenen Sumpfohreule. Jeder Vogel wird vermessen, gewogen und bekommt einen „Reisepass" in Form eines Aluminiumringes.